Wenn Computerspiele in die Hochkultur schwappen: In Halle kommt der Gaming-Klassiker „Monkey Island” auf die Bühne.
An der Theaterbar steht ein Mittvierziger als Pirat verkleidet, manche im Publikum schwingen ihr Plastik-Schwert. Wenn im historischen Steintor-Varieté in Halle eine Computerspiel-Legende auf die Bühne kommt, entstehen herrlich schräge Cosplay-Momente. Nerds werden wieder zu Teenagern und reisen in eine Zeit, noch lange bevor es CD-ROMs gab und an Download-Plattformen wie Steam noch nicht zu denken war: In den frühen Neunzigern wurden auf dem Schulhof noch Disketten mit einschlägigen Spielen hin und her getauscht.
Und eins ist ganz klar: „Monkey Island” zählte damals zur ganz heißen Ware. „Mein Name ist Guybrush Threepwood, und ich möchte Pirat werden!” sind die geflügelten Worte des Titelhelden. Seine Geschichte ist so hochdramatisch, dass sie einfach auf die Bühne gehört: Der Grünschnabel muss sich in den drei Piratenprüfungen behaupten und die schöne Gouverneurin aus den Händen des Geisterpiraten LeChuck befreien. Ein freies Ensemble aus Halle hat es gewagt, die irre Geschichte mit dutzenden karibischen Schauplätzen, skurrilen Figuren und Unmengen an Requisiten zu inszenieren. Und das macht einen Riesenspaß: Zum Ziel kommt Guybrush ebenso im Spiel wie im Stück mit messerscharfem Rätsel-Verstand und viel Wortwitz. Fechtkämpfe etwa können nur mit Schlagfertigkeit gewonnen werden: „Du kämpfst wie ein dummer Bauer!” – „Wie passend! Du kämpfst wie eine Kuh!“
Erfrischend: Ohne im üblichen Theater-Duktus irgendwelche aktuellen Kontroversen zu verarbeiten, wird hier einfach purer Retro-Spaß gefeiert. Da geht den rund 1.000 Freibeuter-Fans im proppenvoll gefüllten Saal das Herz auf: Ganze 30 Rollen werden von elf Schauspielern verkörpert – etliche Kostümwechsel inklusive. Mittels einer eigens gebauten Drehbühne gehen aberwitzig kurze Szenenwechsel fast so rasant wie die Bildschirm-Cuts am Rechner. Die vielen Gegenstände, die Guybrush einsammelt, sind aus Pappmaché nachgebaut – das kommt der groben Spielgrafik einfach am nächsten. Die vielen liebevollen Details bedeuten große Investitionen für den kleinen Verein „Chaos Theater Club” rund um Regisseur Martin Kreusch: Crowdfunding-Aktionen machten das Stück erst möglich. Monkey-Zocker aus dem ganzen Bundesgebiet beteiligten sich – und die Auto-Kennzeichen vor dem Theater zeigen: Das hier ist nicht nur ein Theaterstück. Es ist eine Games Convention der Retro-Kenner!

Das Phänomen wundert nicht – schließlich setzte das Adventure von 1990 nicht nur Maßstäbe in Sachen Storytelling und Technik. Statt die Spielfigur mit der Tastatur zu steuern, kam die neuartige Maus per „Point and Click”-System zum Einsatz. Dazu begeisterte die Klötzchengrafik in sensationellen 256 Farben und die charmant aus dem PC-Speaker fiepende Musik. Das Theatererlebnis heute ist ähnlich revolutionär: Das Lieblingsspiel von damals, aber zum Anfassen und ganz ohne Pixelbrei!
Die Fans dürfen sogar mitspielen: Wenn Guybrush (Martin Sommer) auf der Bühne mal nicht weiter weiß, bekommt er sachkundige Tipps zugerufen. So lebendig ist Theater selten; immer wieder gibt es johlenden Zwischenapplaus für besonders originelle Umsetzungen. Der extravagante Mantel des fuchtelnden Gebrauchtschiffhändlers Stan (Martin Rohschneider) ist betörend authentisch. Die schrille Voodoo-Lady (Katja Röder) donnert ihre Visionen mit lautem Organ, und Oliver Rank berlinert sich wunderbar beiläufig als Otis durch das Stück.
Die Gelegenheiten für das absurde Spektakel sind rar: Die nächsten Termine sind für 2027 angekündigt. Das Stück könnte damit zu einem regelmäßigen Highlight der Gamer-Szene avancieren. Denn „Monkey Island” hat echtes popkulturelles Gewicht: Der „Fluch der Karibik” erschien, kurz nachdem Disney die Rechte an „Monkey Island“ von Spieleautor Ron Gilbert erwarb. Viele Ideen rund um die flapsige Hauptfigur flossen in den Blockbuster ein.
Dabei gelingt die Portierung von Gaming-Material nicht immer – man denke nur an die trashigen Verfilmungen von „Street Fighter“ oder „Mortal Kombat“ aus der gleichen Ära. Der Trick: Während sich viele Games in düsteren Welten und Baller-Orgien ergießen, bleibt „Monkey Island“ so sonnig wie seine Kulisse und nimmt sich einfach selbst nicht ernst. Oder um es mit Guybrush im Finale voller Wunderkerzen-Feuerwerk zu sagen: „Eins hab ich aus der ganzen Sache gelernt: Zahle nie mehr als 50 Mark für ein Computerspiel!”
Dieser Text erschien ähnlich in der Ausgabe vom 20.04.2026 der Freien Presse.
