Das Smartphone in Kinderhand bringt viele Nebenwirkungen, von A wie Aufmerksamkeitsproblemen bis Z wie Zwang in der Gruppe. Kultusminister Conrad Clemens hat da eine klare Position: Ab kommender Woche setzt es aus seiner Behörde ein verbindliches Verbot für private Geräte an Grundschulen. Das zementiert den Status Quo, der ohnehin schon vielerorts per Hausordnung umgesetzt wird.
Das politische Zeichen ist wichtig. Schließlich sollen die Pennäler ihre zarten Neuronen in der großen Pause nicht mit Brawl Stars und KI-Trash von TikTok befeuern. Der Screen frisst jene wertvolle Konzentration, die für den Unterricht gebraucht wird. Und das ändert sich auch später am Gymnasium oder an der Oberschule nicht: Wenn es nach dem Minister geht, bleibt das Handy auch noch bis zur Klasse acht ausgeschalten in der Tasche – oder am besten ganz zu Hause.
Der Ansatz hat seine Berechtigung, denn er reduziert den Social-Media-Stress, schafft klare Regeln und fördert laut Studien auch die Schlafqualität. Trotzdem mutet er ein Stück weit hilflos an. Wie und wo soll der junge Mensch denn dann einen vernünftigen Umgang lernen? Der Landesschülerrat hält dagegen: Es brauche andere Maßnahmen, denn an den Schulen fehle es deutlich an Medienkompetenz. Die PowerPoint-Präsentation in Erdkunde und das launige Kahoot-Quiz am Freitagnachmittag reichen freilich nicht, um einen gesunden und souveränen Digital-Alltag zu vermitteln – also ohne auf Fakes reinzufallen, abgezockt zu werden oder in krude Gedankenwelten hineingezogen zu werden.
Im besten Falle reißt die konkrete Medien-Fitness der Lehrperson das Ruder rum: „Frisch aus dem Ref” schlägt in der Regel den Fast-Pensionär mit „Neuland”-Mindset. Wie gehen wir ordentlich miteinander im Klassenchat um? Was genau passiert hinter dem bunten Screen? Dieses Wissen hebt sich ab von der reinen Bedienkompetenz, also dem blinden Auswendigwischen der Clickwege. Entscheidend ist der kritische Blick – und ob man das Dahinter versteht. Wie fließen meine Daten? Wo lauern Gefahren? Bin ich kritisch genug?
Kompetente Vorbilder statt nur Verbote
Aber um es ganz klar zu sagen: Regeln und ein paar technische Einstellungen sind in jedem Fall sinnvoll. Inhaltsfilter halten den gröbsten Schmutz fern. Auch vernünftige Zeitlimits mit Augenmaß gehören dazu. Manche Kinder zeigen nach fünf Minuten Bildschirmzeit schon Anzeichen von Überreizung. Andere erledigen Hausaufgaben in Lernsax, chatten kichernd mit der besten Freundin, erstellen mit Capcut noch eine Foto-Slideshow – und kommen abends trotzdem ausgeglichen zur Ruhe. Wenn man nun noch steuert, welche Apps auf das Smartphone der Kinder gelangen und alle Bezahlfunktionen deaktiviert, sind die Basics schon mal abgehakt.
Doch Kinder brauchen noch mehr, um gut behütet in die digitale Zeit hinein zu wachsen: Nämlich kompetente Vorbilder! Denn wenn wir ehrlich sind, gibt es nicht viele davon. Da sind die Schwurbler und Frustrierten, die nur glauben, was auf Telegram oder Nius steht; die Dauer-Daddler, die keine Minute ohne ihr Gerät klarkommen; und die Fundamental-Verweigerer, die wegen ihres Nokia-Knochens vor der QR-Speisekarte verhungern – allesamt keine rühmlichen Idole.
Und dazwischen? Ist jede Menge Doppelmoral! In vielen Familien wird Wasser gepredigt und Wein getrunken: „Kind, du bist nur am Handy!“ – „Aber Papa, du liest doch selber deine Arbeits-Mails am Esstisch!“ Endlose Diskussionen und Sanktionen sind die Folge. Heute eine Stunde weniger! Geräte weg bis zum Wochenende! Kennen Sie das? Dann googeln Sie mal den ‘Mediennutzungsvertrag’! Der reguliert das digitale Familienleben, hat schon unter vielen Dächern den Dampf aus dem Thema genommen – und macht ganz nebenbei das Vorbild-Sein eine ganze Ecke leichter.
Der Selbst-Check
Schnelle und einfache Lösungen gibt es nicht. Weil wir, die Großen, selbst genügend Schwierigkeiten haben, den Überblick in einer rasanten Tech-Welt zu behalten. Wissen und Selbstkontrolle sind der Schlüssel! Fragen Sie sich doch einmal selbst: Begrenzen Sie aktiv Ihre eigene Bildschirmzeit? Achten Sie die Bildrechte anderer, bevor Sie Fotos in den Status stellen? Wenn Sie skurrile Nachrichten aus unklarer Quelle lesen: Ist ein Faktencheck das Erste, woran Sie denken – oder leiten Sie alles blind in die Bowling-Gruppe weiter?
Und nicht zuletzt zählt auch die digitale Hygiene. Kümmern Sie sich gewissenhaft um Backups und einen sicheren Umgang mit Passwörtern? Nur, wenn unsere Kinder eine bewusst gestaltete Digitalkultur in ihrem Umfeld erleben, können sie diese auch kopieren. Die Gefahr an Totalverboten ist schließlich auch: Sie verschieben jeden positiven Lerneffekt auf später – und im Zweifelsfall auf nie.
Ein kurzer Blick nach Australien: Dort ist das Anlegen von Social-Media-Accounts unter 16 Jahren gesetzlich untersagt. Zweifelhaften Influencer-Content von Kindern fernzuhalten ist erst mal eine gute Idee. Politische Hirnwäsche, frauenfeindliche Incel-Kurzvideos und spindeldürr gehungerte Körperideale gehören einfach nicht ins Kinderzimmer! Während sich die Erwachsenen in „Down Under” also ab sofort mit nervigen Altersnachweisen herumschlagen müssen, schwenken die Kinder einfach auf Apps um, die für sie nach wie vor zugänglich sind. Das heiß geliebte TikTok ersetzen sie mit den Shorts auf Youtube; WhatsApp-Kanäle funktionieren inzwischen ähnlich wie klassische Social-Plattformen. So verkommt das Gesetz zur blanken Kosmetik: Verbote fordern die Kreativität heraus. Und glauben Sie bloß nicht, Ihr Kind hätte noch nie „Family Link umgehen” gegoogelt!
Beherrsche die Medien, sonst beherrschen sie dich!
Dass die Plattformen in Sachen Kinderschutz freiwillig aktiv werden: Unwahrscheinlich. Staatliche Regulierung in Deutschland und der EU? Ganz schön träge. Unsere Welt, unsere Strukturen und nicht zuletzt unsere Hirne haben gegen die rasante Online-Vielfalt an Reizen und Fallstricken oft keine Chance.
Daher sollten wir das digitale Leben der Kinder so liebevoll und kompetent und eng begleiten, wie es eben geht. Dazu gehört auch, dass wir sie mit ihren Interessen ernst nehmen. Spielen Sie doch einfach eine Runde Minecraft mit – oder gestalten Sie gemeinsam einen Trickfilm mit Playmobil (kostenlos: „Stop Motion Studio”)! Ansonsten ist Selbststudium mit Ratgebern wie „Schau Hin” oder „Clicksafe” angesagt. Oder man besucht entsprechende Kurse: Medienpädagogen bieten präventive Medienführerscheine und Elternabende an.
Schulen wiederum brauchen Personal mit ausreichend Digitalwissen – in der Schulsozialarbeit (Stichwort Cybermobbing) genau wie im Klassenzimmer. Einen neuen, kritischen Blick erlangen Kinder auch über ganz praktische digitale Mitmachangebote, etwa Kurzfilme drehen, Robotik-AGs und Coding-Workshops. Das Motto: Beherrsche die Medien, sonst beherrschen sie dich! Je kompetenter unsere Kinder sind, desto weniger müssen wir zukünftig über pauschale Verbote nachdenken.
Dieser Text erschien in etwas kürzerer Form als Debatten-Beitrag in der Ausgabe vom 31.01.2026 der Freien Presse.
